Mai 19, 2017

EMBRACE


Das Umarmen der Vielfalt als Normalität

Gut eine Woche ist es her, dass ich ins Kino ging, um mir einen Film anzuschauen, der soviel mehr ist, als nur eine Doku. Aufmerksam wurde ich durch den Aufruf Nora Tschirners auf den bekannten Social Media Kanälen. Und ich musste da hin. Egal wann und wie, ich musste einfach.

EMBRACE - Du bist schön - lautet der Titel.

Reihe zwei, Nackenstarre und Heulalarm

Schon in den ersten Minuten des Films, in denen Taryn Brumfitt berichtet, wie es dazu kam, dass dieser Film entstehen konnte. Wie sie sich Gedanken darum machte, was man seinen Kindern in Bezug auf Körperbilder und Vielfalt mitgibt, in diesen ersten Minuten, da musste ich bereits weinen. Nun könnte man anmerken, dass es an manchen Tagen ausreicht, mir die Weihnachtswerbung eines Schokoriegelherstellers zu zeigen und die Tränen kullern. Aber das hier war anders. Ich war sofort "dabei" und konnte fühlen, was diese Frau sagte. Der Kinosaal war voll mit Menschen, die hier waren, weil sie sich etwas versprachen oder herausfinden wollten. Um mich herum hörte ich "Ja genau, so ist das!" als Taryn davon sprach, dass wir nur diesen einen Körper haben und gut zu ihm sein sollten. Auch vor und hinter mir, da schluchzte es. Ich saß in der zweiten Reihe eines riesigen Kinosaals, hatte Nackenstarre und nasse Augen, aber es war mir egal.

Kritiken, die keine sein können

Bereits am Tag vor Kinopremiere hier in Deutschland, da konnte man so einige Stimmen im Netz wahrnehmen. So auch eine Kritik bei Zeit.online. Eben diese regte mich maßlos auf. Lange hatte ich keinen solch unreflektierten Text gelesen. Ich laß und laß und fragte mich am Ende des Artikels: Hat diese Frau den Film überhaupt verstanden, geschweige denn gesehen? Ich kann es mir nicht vorstellen. Denn was sie darüber sagte, ging so dermaßen an dem vorbei, was ich einen Tag später sah.



Na aber, um was geht es denn nun?

Es geht eben nicht, wie von einigen Stimmen so unreflektiert geschrieben, um ein "sich gehenlassen", wobei ich diesen Begriff als solchen eh hinterfragen muss. Es geht um eine ganze Gesellschaft, um eine Industrie, die es schafft eine solche Gesellschaft zu formen und aufrecht zu erhalten und es geht um eine Verantwortung. Uns selbst, anderen Frauen, Mädchen und letzlich unseren Kindern gegenüber. Es geht darum, dass Schluss sein muss mit einer Glitzer-Mode-Welt, mit der jungen Mädchen und Frauen schon von Kindesbeinen an beigenracht wird, dass es nicht ok ist, aus der Norm zu fallen. Eine Norm, die es so nicht geben kann und sollte. Kleine Mädchen werden in Modehauskatalogen bereits dargestellt, als wären sie etwas, dass alle Welt will, dass sie es sind. Lolitas. Frauen in Klamotten ab Größe 92. Warum gibt es einen enorm großen Markt an Produkten, die schöner, jünger, schlanker machen sollen und dabei auf das Werbeprinzip "Bodyshaming" schwören?
Es geht nicht darum, zu sagen Sport sei scheiße und gutes Essen überbewertet. Beides als Mittel zu sehen um andere Bedürfnisse zu erfüllen, aber schon. Genuss, Bewusstsein für ein gutes Maß und die Liebe zum eigenen Tun und Sein. Das ist es wohl.

Auch geht es um Frauen. Frauen von "nebenan" wie es so oft gesagt wird. Aber auch Frauen, die ihr Leben lang Spot und Mobbing ausgesetzt waren, die Schicksalsschläge erleiden mussten und lernten, was es bedeutet sie selbst zu sein. Als Taryn um die Welt reist, um all diese Frauen zu treffen, da muss ich erneut weinen. Mit jeder Geschichte, jedem Schicksal, weine ich mit. Ich weine, weil ich denke, dass es nicht sein kann, dass es Menschen gibt, die widerum darüber entscheiden, wer schön ist und sein darf. Dass es nicht sein kann, dass die Schönheit eines Menschen an seinen Äußerlichkeiten festgemacht wird. Bei jeder Geschichte denke ich: " Bitte hardere nicht mit Dir. Du bist schön, eben weil Du Du bist." Bei wirklich jeder Frau, die dort zu Wort kommt, will ich diese Worte sagen, will sie ihr zukommen lassen und bestärken.

Fazit - Und nu`?

Das eine Fazit gibt es für mich hier nicht. Viele Dinge, die ich vorher ahnte oder im Ansatz wusste, die sind mir noch bewusster gemacht worden. Viele Male habe ich gedacht, dass ich nicht möchte, dass auch nur noch eine Frau mit dem Gefühl aufwachsen muss, nicht genug zu sein. Nicht dünn genug, nicht blond genug, nicht groß oder klein genug. Ihr seid genug und noch so viel mehr. Ihr seid schön und vorallem klug und es wird Zeit für etwas anderes. Ich wünsche mir, dass dieser Film in Klassenzimmern, Büroetagen und Privathaushalten gezeigt wird. Ich wünsche mir, dass jede Frau, die auch nur den Hauch eines Zweifels hegt, sie könnte nicht genug sein, diesen Film sieht, in den Spiegel schaut, sich ihrer Schönheit bewusst wird und sie umarmen kann.

Ich wünsche mir, dass dieser Wunsch keine Utopie bleibt und wir es schaffen, dass wir uns lieben, eben weil wir alle anders sind und mehr als diese eine Hülle.






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