Juni 17, 2015

105 - Es schorft!

Wenn ich auf meine letzten Blogposts zurückschaue, dann sind diese geprägt von Glück. Glück in der Familie, im Alltag, im Moment. Betrachtet man den letzten Eintrag genauer, so wird man feststellen: er ist 20 Wochen alt.

20 Wochen, 140 Tage und unzählbare Gefühlsexplossionen später traue ich mich. Ich habe den Mut wieder so etwas wie Glück zu empfinden, auch wenn es Momente gibt, in denen ich deswegen ein schlechtes Gewissen habe, in denen Bilder hochkommen, die ich so ungern als "letzte Erinnerung an Dich" haben möchte. Ich halte mich fest an denen, die noch da sind, die einen ebenso großen, ja sogar noch größeren Schmerz empfinden, als ich es tue. Ich schwanke zwischen einer Angst, die aufkommt, wenn ich daran denke, dass mir noch mehr liebe Menschen genommen werden und der Freude, die in mir sprudelt, wenn ich mich all der Momente erinnere, die wir hatten und haben werden.

Dein Bild steht direkt vor mir, vielleicht 2 Meter entfernt. Es steht dort, wo viele Bilder und Erinnerungen stehen, die wir festhalten wollen, die uns stärken und lächeln lassen. Morgen sind es 15 Wochen, 105 Tage, die vergingen, seit die Hoffnung in Wut und Traurigkeit umsprang.
Zahlen waren noch nie mein Ding, sie waren stets etwas, das ich nicht so recht fassen und begreifen konnte. 105 Mal schlafen gehen, oder es zumindest versuchen, 105 Mal träumen und erwachen, mehr, ja, weitaus mehr als 105 Mal der Gedanke " Hätte ich etwas ändern können, hätte ich es vorher gewusst?" Ich frage mich, ob Du gespürt hast, dass Deine drei Mädels bei Dir waren, dass wir Deine Hand hielten und Dir vom Sonnenschein des beginnenden Frühlings vor der Tür erzählten. Ich möchte mir so gern einreden, dass Du nicht allein warst, unsere Nähe gespürt hast, als all die piepsenden und surrenden Geräte um Dich herum abgestellt wurden. Ich möchte daran glauben, dass es keineswegs falsch war zu entscheiden, für Dich zu entscheiden, als uns der Arzt die Frage stellte "Sollen wir abschalten?" und uns unsere letzte Hoffnung mit den Worten "Es wäre nur ein Aufschub!" nahm. Und ich höre Dich lachend sagen: " Mensch Kleene, nu mach Dir nich son Kopp um Sachen die waren. Du kannst es nicht ändern. Bist wie Deine Oma, immer machste Dir ´n Kopp um allet." Ich weiß Du hast Recht, aber ich weiß auch, dass es manchmal schwer ist, den Knopf zu finden, den ich drücken kann um gänzlich abzuschalten.

Dieser Blogpost soll nicht gänzlich runterziehen und einen Stillstand bedeuten, er soll auch ermutigen und "Danke!" sagen. Er soll erinnern und reflektieren, er soll filtern und zur Heilung beitragen.
Es gab und gibt so unendlich viele Menschen, die uns geholfen haben, die uns ermutigt und beglückt haben. Kartengrüße und Blumensträuße, liebe Worte und leere Nachrichten mit umarmenden Gesten und schweigende, alles sagende Blicke. Ihr dürft Euch angesprochen fühlen, dürft Euch gewiss sein darüber, dass Ihr eine Stütze seid, eine Medizin, ein Lachen.
Dir liebe Patricia möchte ich danken, danken für einen so aufrichtigen, ehrlichen aber auch traurigen Artikel, der mir wieder Mut gab diese weißen Seiten mit Worten zu füllen. Du kennst mich gar nicht und es wäre anmaßend zu behaupten, dass ich Dich kenne. Aber seit geraumer Zeit (Warum, verdammt nochmal,  nicht schon früher?) lese ich Deine Artikel mit einer Freude und Neugier, die ich wahrlich genießen kann. Danke!

 Meine Familie hat in den vergangen Monaten, Wochen, Tagen gelernt. Es ist eine Art neuer Choreographie. Wer macht was? Wer trägt zu welchem Teil des Neuen etwas bei? Wer geht wie mit bestimmten Gefühlen um.
Man sagt, dass die Zeit alle Wunden heilt. Tut sie das? Alle? Noch ist sie eine eher schorfige Stelle, diese Wunde, die Dein Verlust gerissen hat. Es wird besser, aber ab und an, wenn man sich stößt, an eben jener Stelle, dann flammt der Schmerz auf, der Schorf bekommt Risse. Ich bin sehr froh um die Menschen, die da sind, füreinander und miteinander. Babys wurden geboren, Jugendweihen (meine kleine, große Schwester) und Hochzeiten gefeiert. -Dir liebe Dine und Deinem Männe sei an dieser Stelle gedankt, dass ich bei Eurer tollen Feier soviel Kraft tanken und Schönes erleben durfte.-

Und auch, wenn es in weiteren 105 Tagen wieder etwas besser sein wird, der Schorf so langsam beginnt sich von der Wunde zu lösen, tiefe Wunden hinterlassen Narben. Diese erinnern uns stetig und immer wieder an etwas,  sei es an die schönen Momente vor dem Tag X, und lassen hoffen auf die vielen, die noch kommen mögen.







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